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    Northeim

    NS-Zwangsarbeit

     

    Ausländische Zwangsarbeiter wurden in zahlreichen Betrieben, in der umliegenden Landwirtschaft und auch von der Stadt selbst eingesetzt. Kriegsgefangenenarbeitskommandos und Lager für zivile Zwangsarbeiter befanden sich in vielen der heutigen Ortsteile Northeims; einzelne Zivilarbeiter waren darüber hinaus teils privat untergebracht.

    Industrie und Handwerk

    Zwar gab es in Northeim verhältnismäßig wenige industrielle Betriebe, doch diese waren während des Krieges auf den Einsatz ausländischer Arbeiter geradezu angewiesen. Die größeren Betriebe unterhielten zu diesem Zweck eigene Zwangsarbeiterlager. Zu den größten ‚Arbeitgebern’ gehörte die Zuckerfabrik, die auf dem Fabrikgelände ein Zivilarbeiterlager mit insgesamt 70-80 polnischen und mindestens 30 sowjetischen ArbeiterInnen sowie ein Kriegsgefangenenlager unterhielt; in letzterem lebten über die Jahre rund 100 Polen, danach ebenso viele Franzosen und zuletzt 120 Russen. Die Zivilarbeiter waren zu Arbeiten in der Küche und im Werk eingeteilt, die Kriegsgefangenen mussten ebenfalls in der Fabrik arbeiten sowie vermutlich bei der Rübenernte.

    Zu den größeren Betrieben gehörte zudem die Firma Piller aus Osterode, die 1943 einen Zweigbetrieb in Northeim errichtete. Sie setzte auf die Beschäftigung von etwa 200 sowjetischen sowie später einigen französischen Kriegsgefangenen, die sie im Junggesellen-Schützenzelt auf dem Mühlenanger und in der Kegelbahn der Gastwirtschaft „Zum Rücking“ unterbrachte. Ob und in welcher Zahl weitere Kriegsgefangene oder Zivilarbeiter im Betrieb eingesetzt wurden, ist nicht bekannt.

    Die Papiersackfabrik Rockenfeller brachte rund 40 ukrainische Zivilarbeiter in einem fabrikeigenen Lager am Leineturm unter. Daneben beschäftigte sie ab 1940 eine Belgierin, ab 1942 insgesamt 14 „Ostarbeiterinnen“ sowie ab 1943 sechs Franzosen. Die Konservenfabrik in Northeim unterhielt ebenfalls ein eigenes Lager mit 20-25 ukrainischen Zivilarbeitern, 30 Polen, drei Belgier und ein Niederländer.

    In kleinerer Zahl waren während des Krieges in Geschäften und Handelsbetrieben der zu Northeim gehörenden Ortschaften zivile Zwangsarbeiter aus verschiedenen Ländern beschäftigt. Sogar im Edeka-Markt in der Bahnhofstraße in Northeim arbeitete ein Franzose. Auch zahlreiche Handwerksbetriebe, Bäckereien und Konditoreien, Schneidereien, Schuhmacher, Schlossereien und Schmieden beschäftigten einzelne Zivilarbeiter; ebenso Gaststätten und Hotels. Sie können aufgrund ihrer Anzahl an dieser Stelle nicht im Einzelnen genannt werden.

    Öffentlicher Sektor

    Darüber hinaus waren Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter im öffentlichen Sektor beschäftigt. Die Stadt Northeim unterhielt in Schützenzelten auf dem Mühlenanger sogar ein eigenes Kriegsgefangenenlager mit überwiegend französischen und belgischen Insassen; die genauen Zahlen sind nicht bekannt, ausgelegt war das Lager für bis zu 200 Gefangene. Jene, die die Stadtverwaltung nicht selbst beschäftigte, wurden an zahlreiche Northeimer Betriebe ‚verliehen’, so beispielsweise an das Bauunternehmen Herbst in der Güterbahnhofstraße 10, das während des Krieges an der Produktion von Splitterbomben beteiligt war. Insgesamt wurden einzelne Kriegsgefangene aus dem städtischen Lager in 92 unterschiedlichen Industrie- und Handwerksbetrieben, Bäckereien, Kohlehandlungen, bei Landwirten, Tischlermeistern, der Stadtverwaltung, der Reichsbahn u.a.m. eingesetzt.

    Für die Northeimer Stadtverwaltung arbeiteten ab 1943 außerdem einige zivile Zwangsarbeiter, teils wird es sich um in den Zivilarbeiterstatus überführte Kriegsgefangene gehandelt haben. Ferner wurde wegen Arbeitskräftemangels bereits seit Sommer 1942 auf Häftlinge aus dem Jugend-KZ im benachbarten Moringen zurückgegriffen. Nach Klärung der Formalitäten wie Zustimmung des Arbeitsamtes, Bewachung, Transport und Verpflegung, arbeiteten von Juli bis Oktober täglich 10-29 jugendliche Häftlinge bei Uferausbesserungen der Rhume.

    Jugendliche KZ-Häftlinge wurden von Firmen zudem beim Reichsautobahnbau in der Region eingesetzt: „Wir fuhren jeden Tag mit dem Zug nach Northeim und von dort mit Lastwagen zur Baustelle. Wir arbeiteten unter den Firmen Waiß & Freitag und Franke-Pfahl. Wir gossen riesige Betonpfeiler, auf denen die Autobahn gebaut wurde. [...] Auf einer anderen Baustelle arbeiteten wir als Planierkolonne. Als Fundament für den Autobahnbau verwendete man gemahlenen Glasabfall.“ (1)

    Als großer lokaler ‚Arbeitgeber’ trat darüber hinaus die Reichsbahn auf. Sie griff u.a. auf Insassen des städtischen Kriegsgefangenenlagers zurück. Darüber hinaus unterhielt die Bahn ein eigenes Lager bei der Schwellentränke, Am Martinsgraben. Hier waren bis zu 200 ArbeiterInnen aus Russland, Tschechien und der Ukraine untergebracht, ebenso einige Belgier, Polen, Franzosen und Serben; auch Kinder befanden sich darunter. Ein zweites Lager der Reichsbahn befand sich in der Gastwirtschaft Köhler, Bahnhofstraße 16.

    Forst- und Landwirtschaft

    Ein weiteres Einsatzgebiet von ausländischen Zwangsarbeitern in der Region Northeim war der forst- und landwirtschaftliche Sektor. Ein ‚Arbeitgeber’ im städtischen Forst war im Winter 1944/45 die Stadt Northeim selbst; die insgesamt 36 Zwangsarbeiter wurden in der Gastwirtschaft „Niedersachsen“ untergebracht.

    Kriegsgefangenenlager, deren Insassen in landwirtschaftlichen Betrieben arbeiten mussten, befanden sich in den meisten heutigen Ortsteilen Northeims, so in Sudheim (40 Franzosen) und in Hohnstedt (12-20 Franzosen und Belgier); letztere wurden vermutlich auch in der Industrie eingesetzt. In Hammenstedt existierte ein Arbeitskommando mit 18 Franzosen und einem Belgier; in der Kernstadt Northeim eines mit zehn Franzosen, deren Einsatzort nicht näher benannt ist. In einer Gastwirtschaft in Stöckheim waren 40-60 v.a. französische Kriegsgefangene untergebracht, vermutlich wurden sie auch in der Landwirtschaft in Drüber (Einbeck) eingesetzt. Ein Kriegsgefangenen-Arbeitskommando (14 Franzosen) wurde in der Landwirtschaft Lagershausens eingesetzt.

    Ein Kriegsgefangenen- und Zivilarbeiterlager mit ca. 25 polnischen und sowjetischen Insassen befand sich im Gebäude eines Gutshofs in Imbshausen. Ein weiteres bestand in der Tischler-Werkstatt Schlemme in Langenholtensen; hierbei handelte es sich um französische Zivilarbeiter und 25-28 polnischen Kriegsgefangenen, die 1943 in den Zivilarbeiterstatus überführt wurden, und in der umliegenden Landwirtschaft eingesetzt wurden. In einer Gastwirtschaft in Edesheim waren durchschnittlich 30 französische und belgische Kriegsgefangene sowie polnische (ehem. Kriegsgefangene) und ukrainische Zivilarbeiter untergebracht.

    Landwirtschaftliche Betriebe beschäftigten ebenso zivile Zwangsarbeiter, meist Polen oder „Ostarbeiter“, die manchmal direkt beim Betrieb untergebracht waren. Größere Zivilarbeiterlager gab es darüber hinaus in Berwartshausen (Polen und Russen), in einem Wohnhaus in Bühle (10-12 Polen und „Ostarbeiter“) und auf dem Klostergut Wiebrechtshausen (21 polnische, mindestens 19 russische sowie sechs tschechische Zivilarbeiter; außerdem Italiener). Auf dem Klostergut mussten wohl auch einige Pole, die im Ort Denkershausen untergebracht waren, arbeiten, ebenso Polen aus dem o.g. Lager in Langenholtensen. In Höckelheim waren polnische Zivilarbeiter in einem Lager untergebracht. In Hillerse befand sich ein polnisches Kriegsgefangenen- bzw. Zivilarbeiterlager. Die 15-20 Polen in Hohnstedt waren ebenfalls in einem Gebäude vor Ort untergebracht.

    Auch im Northeimer Breiterweg 16 (heute Friedrich-Ebert-Wall) hat es ein Zwangsarbeiter-Lager gegeben haben.

    Im Mai 1944 wurde auf dem Klostergut Northeim ein polnischer Arbeiter erhängt. Ihm wurde vorgeworfen, ein Mädchen vergewaltigt zu haben.

    (1)   So der ehemalige Häftling Friedrich Axt, zitiert nach Sedlaczek, Dietmar: Zwangsarbeit im Jugend-KZ Moringen (1940-1945), in: Zimmermann, Volker (Hg.): „Leiden verwehrt Vergessen“, Göttingen 2007, S. 165-184, hier 165.

     

     

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